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  Der Schellen-Engel
 : Geist und Skulptur
   
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Glück in ein paar Linien
»Der Schellen-Engel «
Paul Klees Engelbilder


© VG Bild-Kunst Bonn, 2009

Paul Klee.
Schellen-Engel, 1939, 966 (AB 6)
29,5 x 21 cm
Bleistift auf Papier mit Leimtupfen auf Karton.  
Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern
Da tappt ein Engel mit energischem Schritt durch die Zeit. 
Er hat dabei den Kopf nach hinten gewendet und schaut nach unten. Denn an seinem Kleid hängt etwas. Eine kleine Schelle, wie sie etwa an Narrenhemden zu finden ist. Der Blick des Engels ist fürsorglich heiter so, als freue er sich von Herzen über sein kleines Anhängsel. Und auch das lächelt, lächelt über das ganze Tropfengesicht. 

Was an diesem Bild sofort fasziniert ist die Heiterkeit, die es ausstrahlt. Dabei besitzen Engel doch eigentlich etwas Sakrales, ja Ehrwürdiges! Klees Engel wirken dagegen menschlich, durchlaufen Veränderungsprozesse. Sie kommen unfertig in die Welt, besitzen Fehler, müssen erst noch erwachsen werden. Und diese Nähe zum Menschen macht sie so berührend. Mit wenigen Strichen hat der Maler diese Figuren aufgebaut, zielsicher, fast kindlich anmutend. 

Die Autorin Ingrid Riedel hat Paul Klees Engelbilder ein eigenes Buch gewidmet. Ihrer inneren Intention folgend, stellt sie die psychoanalytischen Deutungen der skizzenhaften Zeichnungen in den Vordergrund und bringt sie mit der persönlichen Lebenssituation des Malers in Verbindung. Paul Klee litt zu der Zeit, in der die meisten Engelbilder entstanden sind, an progressiver Sklereodermie, eine unheilbare Krankheit, an der er 1940 verstarb. Diese Erkrankung brachte im Jahre 1936 seine künstlerische Arbeit fast völlig zum erliegen. Hinzu kam die Ächtung seines Werks durch die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland. 1933 war er von seinem Amt an der Düsseldorfer Kunstakademie enthoben worden, seine Bilder galten als entartete Kunst, wurden aus den Museen entfernt.
In Deutschland konnte er nicht mehr bleiben. Deshalb zog sich Paul Klee noch im gleichen Jahr mit seiner Familie in die Schweiz zurück und wartete dort auf die Zuerkennung der Schweizer Staatsbürgerschaft. Es ist zu vermuten, dass in dieser bedrückenden Lebenssituation den Engelbildern fast eine therapeutische Bedeutung zu kamen. 

Gerade aus diesem Blickwinkel betrachtet Ingrid Riedel, selbst Psychoanalytikerin, Klees Bilder. 
Auch sie zeigt sich beeindruckt von der teilweise heiteren Stimmung, der sanften Gelassenheit der Darstellungen, die einen inneren Entwicklungsprozess des Künstlers dokumentieren. 
Sie sieht in ihnen Klees Befreiung aus der belastenden äußeren Situation, die Rückkehr zu dem eigenen Selbst und am Ende wohl der unmerkliche Abschied vom Leben. Zum Schellenengel selbst sagt sie:
 „Kennen auch wir solche Situationen? Da wollen wir vorausschreiten in eine bestimmte Lebensrichtung, mit den Füßen, ja mit „Kopf und Hand“, wie man so sagt, aber der Kopf gehorcht uns nicht, er ist angezogen, fasziniert von etwas Verspieltem, vielleicht Närrischem, Kindlichem in unserem Rücken, das uns auch anhaftet, anhängt: etwa aus unserer eigenen Kindheit? Es kann offenbar in solch einem Falle erst weiter gehen...
wenn wir uns zuerst mit dieser Schelle noch beschäftigt haben. ... Hätte der "Schellen-Engel", wenn wir ihn gut bedenken, womöglich die(se) Fähigkeit auch gegenüber unseren eigenen Ängsten: böse Geister.. zu vertreiben?“ 

Klees Schellenengel gibt Raum für vielerlei Interpretationsansätze. So möchte ich eine eigene, sehr persönliche Deutung des bildhaften Geschehens versuchen. Identifiziert man das kleine Menschen-Ich mit diesem lächelnden Schellengesicht, so kommt dem Wesen, mit dem es verbunden ist, das weitaus größer ist als es selbst, eine besondere Bedeutung zu. Vielleicht weiß dieses Schellengesicht ja nicht mal etwas von dem Wesen, an dem es hängt, dem es bedarf. Sein Treiben scheint geradezu infantil, versucht es sich doch klingelnd im Leben zu behaupten, sich im Trubel der Welt Gehör zu verschaffen. Bei all den Unsicherheiten und Unbilden des Schicksals scheint es sich aber völlig sicher und aufgehoben zu fühlen, so als hätte es doch eine vage Ahnung von dem "Großen", an dem es hängt. 

Doch wie auch immer man Klees Engel betrachten mag, bezeichnend ist in jedem Fall ihre Nähe zur menschlichen Existenz. 
Wie schrieb der Maler im Oeuvre- Katalog für das Jahr 1939 so prägnant in doppelte Anführungszeichen gesetzt:
 „.. da ist alles wie bei uns, nur englisch.“

Bibliographie: 
„Engel der Wandlung“, Ingrid Riedel 
Verlag Herder, Freiburg

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