Der Pfarrer Helander wartet.
Er wartet auf die Schrift.
Er wartet auf ein Zeichen Gottes.
Er ist bereit zu sterben.
Zu sterben, ohne sündig zu werden?
Doch er muss Gott züchtigen, einen Gott, der die Welt den „Anderen“ überlässt.
Helander steht inmitten der kalten leeren Hölle und hält eine Waffe in der
Hand. Und er wird mit ihr töten.
Nein, nicht sich selbst, einen anderen Menschen.
Zu diesem Zeitpunkt befindet sich der hölzerne Götze, wie ihn der
kommunistische Fischer Knudsen
nennt, der lesende Klosterschüler, bereits auf dem Weg in Sicherheit.
Beim Klosterschüler
handelt es sich um eine Skulptur des
Bildhauers Ernst Barlach. Schlicht, mit klarer Linienführung, fast
spartanisch und doch voll überzeugender innerer
Lebenskraft.
Die Figur hat zuvor den ihr gemäßen Platz in Helanders Kirche verlassen müssen.
Obwohl ihre Erscheinung nicht ausschließlich von christlicher Symbolik
bestimmt wird, hat sie doch etwas „Heiliges“.
Dieses „Stück Holz“ bedroht die Mächtigen, sie haben Angst vor ihm,
scheuen vor ihm zurück. Den herrschenden Nationalsozialisten bleibt nur
dessen physische Vernichtung oder der Verkauf ins Ausland. Ein Schicksal,
wie es viele Werke der so genannten entarteten Kunst miteinander teilen mussten.
Die Skulptur muss für die Herrschenden etwas Bedrohliches haben.
Es ist die fatale Mischung von Unverständnis, Ignoranz und am Ende diese
dumpfe Furcht vor dem Individuellen, dem anderen Selbst. Der Ausdruck einer
ihnen fremd scheinenden Welt. Und so haben die Handlanger der Mächtigen den
Pfarrer Helander aufgefordert, sie ihnen auszuliefern.
Die Geschichte des Romans
„Sansibar oder der letzte Grund“, mit dessen Niederschrift Alfred
Andersch im Jahre 1955 begonnen hatte und der im Jahre 1957 veröffentlicht
wurde, hat viele Facetten. Sie erzählt von der Abenteuerlust eines
Schiffsjungen, seiner Sehnsucht der Enge seiner Heimat zu entfliehen. Von
der jungen Jüdin Judith, die
Deutschland verlassen muss und hierzu die Hilfe des Fischers Knudsen benötigt,
der wegen seiner kranken Frau den kleinen Fischerort Rerik selbst nicht
verlassen kann. Und nicht zuletzt von der genannten Holzfigur des Klosterschülers,
die zu Helanders Freund dem Probst von Skillinge ins Asyl gebracht werden soll.
Sie alle treffen sich in
einer schicksalhaften Verknüpfung auf dem Boot des Fischers, welches sie
nach Schweden in Freiheit bringen kann, wenn der alte Kapitän Knudsen es
denn will.
Die Protagonisten durchlaufen während des Geschehens einen Prozess der
inneren Wandlung, des Erwachsenwerdens, der Veränderung von Sichtweisen.
Und der Roman ist immer auch eine Geschichte der Flucht und das entschiedene
Eintreten für die Freiheit. Die Freiheit des Denkens und der Tat.
Der Schriftsteller Alfred
Andersch war in seiner Jugend überzeugter Kommunist. Eine Haltung, die in
der Figur des jungen Parteifunktionärs Gregor seinen Niederschlag zu finden
scheint, der, selbst auf der Flucht, im Laufe der Handlung ideologische
Fesseln abstreift, um seinem humanen Gewissen zu folgen.
Denn Gregor ist es, der am Ende dafür sorgt, dass Judith und der Klosterschüler
ihre Fahrt in die Freiheit antreten können.
Anderschs Roman war und ist Gegenstand
von so manch pädagogisch motivierter Interpretationsaufgabe. Unzählige Schüler
haben sich in Aufsätzen und Referaten mit ihm beschäftigt.
Doch jenseits aller Interpretationsansätze geht es neben den persönlichen
Entwicklungsprozessen der Handlungspersonen um nichts Geringeres als um
Freiheit, geistiger wie körperlicher Natur.
Und diese Thematik bleibt
immer aktuell, bis heute.
Denn auch unsere ach so aufgeklärte Zeit
kennt ihre Zwänge. Sie sind subtiler geworden aber dadurch nicht weniger
bedrängend. Konsumzwänge, Entfremdung, globale Bedrohungen durch
Umweltzerstörung unter dem Primat grenzenlosen Wachstums etc.
Sie treten nicht unbedingt mit einem nächtlichen Klingeln und in der
Gestalt von Herren in schwarzen Mänteln an die Tür.
Es ist gut, sich dies immer wieder vor Augen zu führen. Und „Sansibar
oder der letzte Grund“ ist ein geeignetes Instrument hierfür.
Die Emanzipation von politischer Bevormundung, geistigen Vorurteilen und wie
auch immer gearteter ideologischer Ketten tritt uns dort in einer
faszinierenden und zutiefst
menschlichen Form entgegen.
Wie heißt es über den
lesenden Klosterschüler im Roman so beispielhaft:
Er ist es, der “alles
liest, was er will. Und deswegen muss er auch wohin, wo er lesen kann, so
wie er will.“