GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG
1742 - 1799, war nämlich seinen
Zeitgenossen nicht so sehr als Zeitkritiker oder Aphoristiker bekannt, als
den wir ihn heute schätzen, wie als Experimentalphysiker. Es ist vielleicht
bezeichnend für ihn, daß er seine Vorlesungen als sehr junger Dozent mit
Wahrscheinlichkeitsberechnungen über das Spiel begann. Er bekam sehr bald
den Auftrag, die astronomischen Orte für einige Städte zu errechnen; der
Mathematik als einer Disziplin, die keine schönen Täuschungsmöglichkeiten
zulässt, galt seine Vorliebe bis zum Lebensende. Berühmt aber und im
wahrsten Sinne des Wortes für das aufsteigende Jahrhundert modern, wurde er
durch seine physikalischen Experimente. Als erster in Deutschland, und noch
dazu auf eigene und für ihn recht bedeutende Kosten, schaffte er
Elektrisiermaschinen für den Hörsaal an; zum Staunen abergläubischer
Kleinstädter versah er sein Haus mit einem Blitzableiter; er ließ an Drähten
Ballons und Drachen aufsteigen, um die Schwere der Luftarten und ihre
Elektrizität zu messen; er hatte ein brennendes Interesse für das Problem
des Fliegens. Er war eine Leuchte der Universität Göttingen, die Studenten
drängten sich in seine Kollegs. Mit allen international bedeutenden Persönlichkeiten
der Zeit stand er im Briefwechsel; Männer von gesellschaftlichem und
wissenschaftlichem Rang rechneten es sich zur Ehre an, ihren Weg über Göttingen
zu nehmen, um Lichtenberg zu besuchen. Der englische König lud ihn nach
England ein, um ihm seine private Sternwarte zu zeigen, trank im
Familienkreis mit ihm Tee und machte ihn zum Hofrat. Auch die
wirtschaftliche Lage besserte sich allmählich, wenn auch die zahlreichen
Kinder eine Quelle nächtlicher Sorgen des Vaters blieben.
Das war die für damalige Verhältnisse glänzende
Außenseite eines Gelehrten und berühmten Mannes. Aber es gab eine
Kehrseite, und sie ist es, die uns Heutige sehr nahe angeht; die meisten von
uns haben ja auch eine öffentliche Rolle zu spielen, mit der uns die Welt
unbedenklich identifiziert. Es gab da den zarten, von Krankheiten geplagten,
leichtzerstörbaren und ganz einsamen Menschen, dem es nicht ausreichte, ein
anerkannter Professor zu sein, und der in seiner Stube Nacht für Nacht um
ein klein wenig eigene Wirklichkeit rang.
Es ist nämlich zu bedenken, daß fast sämtliche
in dieser Auswahl gebrachten Gedanken nicht für die Veröffentlichung
bestimmt waren. Sie stammen aus Briefen, Entwürfen, Fragmenten und vor
allem aus geheimen Tagebüchern, die Lichtenberg seine Sudelhefte nannte; im
Druck erschien das alles erst lange nach seinem Tode. Insofern darf mit
Recht behauptet werden, daß es sich um echte Aphorismen handelt, in
Deutschland eine Seltenheit. Denn das meiste, was bei uns unter dieser
Kategorie läuft, sind mehr oder weniger apodiktische Lehrsätze, mit denen
jemand wirken will und sich spreizt; man spürt darin den erhobenen
deutschen Zeigefinger allzudeutlich. Während dem echten Aphorismus stets
etwas Fragendes, ein souveränes Vielleicht und eine kaum merkliche
entschuldigende Geste eigen ist, wie um hinzuzufügen: Das ist nur eine persönliche
Meinung, die ich für mich als brauchbar gefunden habe. Aber bitte, ich lege
keinen Wert darauf, daß man sie für richtig hält.
Dieser andere, der Welt nicht sichtbare
Lichtenberg ist als achtzehntes Kind eines Pfarrers in Darmstadt geboren.
Die meisten seiner Geschwister starben schon früh, und er selber kam mit
einer rachitischen Verkrümmung des Rückgrats zur Welt. Als er neun Jahre
alt war, wurde der Familie der Ernährer genommen. Ein gebrechliches
Menschenkind war somit von Anfang an ganz auf sich selbst gestellt; es war
allein auf seinen Scharfsinn und seine Begabung angewiesen, wenn es
sich einer Welt gegenüber erhalten wollte, von der man kein Mitleid
erwarten und in der man sich nicht bemitleiden darf, wenn man bestehen möchte.
Wenn wir Lichtenberg sehr viel später, ja,
nur ein paar Jahre vor seinem Tode, an Freund Sömmering, den Mainzer
Anatom, der sich mit Heiratsgedanken trägt, schreiben sehen: »Oh, da tun
Sie recht! Heiraten,
heiraten is the thing! Ich möchte fast sagen, wer nicht heiratet,
soll auch nicht essen. Es ist der Himmel selbst«, so klingt das zunächst
etwas komisch. Ziehen wir aber in Betracht, daß der Ausruf von einem Manne
stammt, der aus Zartgefühl von vorneherein jeder Hoffnung auf Ehe entsagt
hatte und dem dann noch Familienglück zuteil wurde, dann vergeht uns das
Lachen.
Und an diesem Punkte sei es gestattet,
nochmals auf die Zeitnähe der Lichtenbergischen Gedankengänge hinzuweisen.
Oder ist es zu kühn, einer Figur wie der seinen geradezu Symbolcharakter für
uns Heutige zuzusprechen? Geht es nicht auch uns so, deren Kräfte von der
mehr oder weniger wichtigen Funktion, die wir in der sozialen Welt zu erfüllen
haben, ganz in Anspruch genommen werden, daß wir abends zuweilen, wenn wir
müde nach Haus kommen oder auch beim Zubettgehen, von einem Moment des
Alleinseins heimgesucht werden? Daß wir dann das Menschliche in uns mit
einem ratlosen Erschrecken als verkümmert empfinden und der schmerzlichen
Erkenntnis nur darum nicht weiter nachhängen, da sie uns für das
funktionelle Dasein des nächsten Tages unbrauchbar machen könnte?
(Georg Christoph Lichtenberg: Gedanken zur Zeit. Ausgewählt und mit
einem Nachwort versehen von Hans Erich Nossack, S. 38-45)
Quelle: http://www2.adwmainz.de/nossack/Lichtenberg.htm